Porsche 911 Carrera

Tanz auf dem Vulkan – Der neue Porsche 911

Wenn ein in „Miami Blue“ lackierter Porsche 911 in den frühen Morgenstunden durch eine karge Lavalandschaft bläst, scheint es um etwas ganz Besonderes zu gehen. Die morgendliche Stille im Sonnenaufgang rund um den Teide auf Teneriffa, den dritthöchsten Inselvulkan der Erde, wird jäh unterbrochen, als wir die neueste Interpretation der Sportwagen Ikone aus Zuffenhausen starten.

 

„Für uns ist es nur ein kleiner Druck, für Porsche ist es eine Revolution!“

 

Nach jahrzehntelangem Saug-Geräusch aus dem Heck des Porsche 911, bläst nun ein Turbo dem auf 3.0 Liter geschrumpften Sechszylinder-Boxer-Triebwerk den Marsch. Kann das gutgehen? Die Fangemeinde schreit mal wieder auf, wie damals, als von Luft- auf Wasserkühlung gewechselt wurde. Und auch diesmal ist das Schreien und Festhalten an Altem völlig deplaziert. Zumindest wenn man gleich nach dem Drücken des Startknopfes auch die Sporttaste drückt, wodurch auch der Auspuff die Klappen öffnet.

 

Sicherlich kann man auf öffentlichen Straßen das Potenzial eines solchen Wagens nicht ausloten. Aber ein wenig Spaß darf sein, zumal doch die meisten Käufer den Wagen auf der Straße und nicht auf der Rennstrecke bewegen werden. Mangels anderer Verkehrsteilnehmer in den frühen Morgenstunden unserer Ausfahrt, müssen wir uns selbst überholen. Vor uns entdecken wir das media Team aus Holland, ok, dort ist man an Tempolimits gewöhnt, dass erklärt wohl die entspannte Fahrt. Also „schleichen“ wir uns im „Komfort-Modus“ an und drücken dann den neuen „Sport Response Button“, der in Verbindung mit dem PDK-Getriebe angeboten wird. Bei dessen Betätigung wird der Antriebsstrang für 20 Sekunden für bestmögliche Beschleunigung, zum Beispiel für anstehende Überholvorgänge, vorkonditioniert. Dazu wird der optimale Gang eingelegt sowie die Motorsteuerung kurzzeitig für noch spontaneres Ansprechen angepasst.

Wir haben gar keine Zeit uns Gedanken darüber zu machen, ob wir den Sauger vermissen. Der neue Turbomotor mit 370 PS im Carrera, oder wie in unserem Fall, mit 420 PS im Carrera S, bläst uns einfach nach vorne. Dabei, wenn man möchte, bietet der Motor eine Akustik die nicht nur puristische Sportwagenfans jubilieren lässt. Als würde der Teide wie zuletzt 1909 wüten und beben, schraubt sich der 911 die teils sehr holprige Passstraße empor. Ist das überhaupt eine Straße für Sportwagen und darf man hier die erlaubten 90 km/h fahren? Eigentlich eine Strecke für den neuen Macan GTS und wie wir später erfahren, haben Porsche Techniker die Strecke mehrfach überprüft und dann erst „Grünes Licht“ gegeben. „So mancher Sportwagen anderer Marktteilnehmer hätte auf dieser grobporigen Straße sicher Probleme“, hören wir raus. Eine Aussage die wir nicht überprüfen müssen.

 

„Wer heute schnell Auto fahren möchte, nimmt keinen Handschalter mehr – sagt Walter!“

 

Vor zwei Jahren bei der Premiere des noch aktuellen, ehemals einzigen, wahren „turbo“, wir berichteten hier, sagte uns das Walter Röhrl. Ich muss unweigerlich an seine Aussage denken, als wir auf einem abgesperrten Platz das „Launch Control System“ testen und eine Abfolge anderer „Spielarten“, wie spontane Spurts von 50 km/h auf 200 km/h. Das Porsche Doppelkupplungsgetriebe (PDK) haut die 7-Gänge so schnell durch, dass ich das Gefühl habe, ich kann gar nicht so viel und so schnell Gas geben, wie das Getriebe schalten kann. In Zahlen bedeutet das, mit dem Porsche-Doppelkupplungsgetriebe und Sport Chrono-Paket sprintet der neue 911 von null auf 100 km/h in 4,2 Sekunden und ist damit zwei Zehntelsekunden schneller als sein Vorgänger. Der 911 Carrera S mit PDK und Sport Chrono-Paket absolviert die Paradedisziplin in nur 3,9 Sekunden (ebenfalls minus 0,2 s). Damit unterbietet er als erster 911 der Carrera-Familie die magische Vier-Sekunden-Marke. Wer freie Bahn hat, kann nun im ICE-Spitzentempo von 295 km/h beim 911 Carrera (plus sechs km/h gegenüber dem Vorgänger) und beim 911 Carrera S sogar mit 308 km/h (plus vier km/h) reisen.

Aus dem bisherigen „turbo“ stammt auch die im neuen 911 verbaute Allradlenkung, die in Verbindung mit dem etwas tieferen Fahrwerk und den neuen Adaptivdämpfern, die übrigens serienmäßig sind, eine Fahrdynamik zulässt, die mit den Worten „Tanz auf dem Vulkan“ noch untertrieben ist.

 

„Nie war ein Serien-Porsche 911 Carrera dynamischer und so nah am Rennsport!“

 

Ambivalent zu den inneren Werten des neuen Porsche 911, hat sich von außen wenig getan. Hinten hat er einen neu gestalteten Heckdeckel mit vertikalen Lamellen erhalten und passend dazu neue Heckleuchten. Vorne sind nun die ebenfalls neuen Vierpunkt-Tagfahrlicht Scheinwerfer verbaut. Eingeschaltet mag man über deren Schönheit streiten können, Fans verspüren sicherlich einen visuellen „Le Mans“-Touch.

Im Interieur ist alles wie gewohnt. Porsche übliche Materialien, alles hochwertig und mit einer sehr angenehmen Premium-Haptik versehen. Die Sitze sind legendär, ebenso die Ergonomie. Neu ist das serienmäßige Porsche Communication Management (PCM) mit Multitouch-Bildschirm, dass nun ein deutlich erweitertes Funktionsspektrum und eine erheblich vereinfachte Bedienung bietet. Per Multitouch-Gesten auf dem Sieben-Zoll-Monitor und auch per Handschrift lassen sich Eingaben vornehmen. Zeitgemäß ist die Möglichkeit der Anbindung von Smartphones und die Nutzung von Apple Car Play mit dem neuen PCM.

 

Die siebte Generation des Porsche 911 bietet einmal mehr perfekten Sportwagen-Genuss. Zu Preisen ab 96.605 Euro für den Carrera und 114.277 Euro für den Carrera S mit PDK bekommt der Auto-Enthusiast den wohl perfektesten 911 den es je gab. Performance, aber auch Alltagstauglichkeit dank verstellbarem Fahrwerk mit größerer Spreizung zwischen Komfort und Sport und nochmals deutlich gesenktem Spritverbrauch. Dieser 911 ist so heiß wie es die Lava des Teide einmal war.

 

Text: Bernd Schweickard

© Foto: Porsche (3), Bernd Schweickard

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