AWR Sieg bei der Sachsen Classic im VW Passat!

Nullrunde!

In 12 Monaten vom Rallye-Novizen zum ersten Wertungssieg!

 

Normalerweise wenn jemand sagt „Dafür gebe ich dir Null Punkte“, ist man meistens verärgert, zumindest enttäuscht. Anders ist es beim Rallyefahren, insbesondere bei einer Oldtimer-Rallye wie der Sachsen Classic. Denn Null Punkte bedeutet hier, alles richtig gemacht, auf einer der 24 Wertungsprüfungen.

 

Eine Oldtimerrallye zu fahren hat nicht nur etwas mit Leidenschaft zu tun. Man benötigt nicht nur die Liebe zu altem Blech, die zweifelsohne gegeben sein muss, sondern auch ein wenig Ehrgeiz und körperliche Ausdauer. Denn, wenn an drei Tagen eine Gesamtstrecke von rund 600 Kilometern in Autos aus dem letzten Jahrtausend zurückgelegt werden müssen, kommt man wie in diesem Jahr bei hochsommerlichen Temperaturen schon gehörig ins Schwitzen.

 

Nachdem ich im letzten Jahr im Rallye Golf G60 GTI aus dem Jahr 1991 starten durfte, ging es in diesem Jahr weiter zurück. Die VW Classic Abteilung hält in diesem Jahr einen VW Passat aus den 70er-Jahren mit der Startnummer 44 für mich bereit. Als Co-Pilotin wird mir Lara-Louisa Tietze aus der VW Classic-Abteilung zur Seite gesetzt. Bestens, dann bin ich während der Fahrt mit reichlich Fachwissen versorgt.

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Am Vortag machen wir uns mit dem Fahrzeug und miteinander bekannt. Denn, bei einer Oldtimerrallye ist nichts so wichtig wie die Kombination aus Fahrer und Beifahrer. Diese müssen sich verstehen um den Kampf gegen die Lichtschranke nicht zu verlieren. Deshalb hat auch jeder eine Chance auf Wertungs-, Tages- und sogar den Gesamtsieg. Der 1955 in der ehemaligen DDR gebaute IFA F9 mit seinem Dreizylinder-Zweitaktmotor, der inmitten einer blauen Dunstwolke die Steigungen hinauf knattert, ebenso wie der Porsche 928 S aus dem Jahr 1983 mit einem 300 PS V8-Motor unter der Haube. Dies zeigt sich auch beim Gesamtsieger der Sachsen Classic 2016. Peter Göbel und Achim Gandras holen den Sieg souverän mit nur 569 (Fehler)Punkten. Und das mit der Skoda Favorit „Rallye Monte Carlo“ Replica von 1991, die von nur 58 PS „befeuert“ wird. Aber mit Peter Göbel sitzt halt ein mehrfacher Rallyegewinner mit einem exzellenten Gasfuß und perfektem Timing am Steuer.

 

Unsere Aufgabe ist eine andere, die heißt ankommen, den panamabraunen Passat in der höchsten Ausstattungsstufe „GLS“ heil ins Ziel bringen. Für Lara ist es die zweite Oldtimerrallye, für mich insgesamt die vierte und die zweite Sachsen Classic. 2015 fuhr ich hier meine allererste Oldtimerrallye und landete irgendwo abgeschlagen im Feld. Das soll dieses Jahr anders werden.

 

Am ersten Tag sieht es danach aber noch nicht aus. Denn die Sachsen Classic fahren heißt auch, dass nach dem Schwenken der Startflagge auf dem Platz der Völkerfreundschaft in Zwickau, der ganze Tag durchgetaktet ist. Auf der Bordkarte müssen Aus- und Einfahrzeiten zu den jeweiligen Durchfahrtskontrollen innerhalb eines minimalen Zeitfensters exakt eingehalten werden, sonst hagelt es Strafpunkte. Und die sind sehr hoch und spülen einem im Gesamtklassement gleich mal weit nach hinten, wie wir schmerzlich feststellen müssen. Konzentriert auf die Strecke und Wertungsprüfungen, übersahen wir wohl die Zeitenfenster auf der Bordkarte.

 

Aber solch eine Rallye, die mit viel Enthusiasmus der Veranstalter und Streckenposten durchgeführt wird, lebt auch von der Freude am Mitmachen. Das sollte auch immer über dem Ehrgeiz auf der Jagd nach Hundertstelsekunden stehen. Der Veranstalter erwähnt dies auch explizit beim Fahrerbriefing vor dem Start. Wir halten uns akkurat an diese Vorgabe, dass wir Spaß an der Sache haben sollen, was uns schnell den Beinamen #PartyPassat einbringen sollte.

Tag 1 der Sachsen Classic Rallye schließen wir auf die Platzierung bezogen, eher im hinteren Drittel ab, was die Freude an der Fahrt im Passat angeht, vorbei am Bergbaumuseum in Oelsnitz oder dem Regionalflughafen Leipzig-Altenburg, sind wir aber ganz weit vorne. Und auf der noch kurzen ersten Etappe über 135 Kilometer stellt sich auch auf dem Papier der Erfolg ein. Bei der letzten Wertungsprüfung des Tages, WP6 „Spannerwiesen“, verfehlen wir hauchdünn mit vier Hundertstelsekunden die Zeitvorgabe und belegen zwar nur den siebten Platz im Gesamtklassement, von über 180 Fahrzeugen, gewinnen aber in unserer Fahrzeugklasse.

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Um die Arbeit des jeweils anderen besser verstehen und einschätzen zu können, tauschen wir am zweiten Tag die Plätze. Es heißt ja immer, Frauen seien die sensibleren Autofahrer. So soll nun Lara mit einem gefühlvollen Gasfuß die 85 PS aus dem 1.6 Liter Vierzylinder des VW Passat so dosieren, dass wir perfekt durch die Lichtschranke fahren. Die Zeiten dafür sage ich an, sofern ich den Countdown anhand zweier Stoppuhren durch eine Fehlinterpretation des Roadbooks nicht falsch vorgebe. Wenn man es sehr ernst nimmt, verpasst man dann nur leider viel entlang der Strecke. Der Fahrer ist in ständiger Konzentration auf dieselbe, um innerhalb des Verkehrslimits das maximale an Zeit herauszuholen und eventuelle Schwierigkeiten in der Streckenführung früh genug zu erkennen. Der Beifahrer hat dazu meist den Kopf nach vorne gebeugt, um im Roadbook stets ein paar Meter voraus zu sein.

 

Wir stellen uns am zweiten Tag daher mehr auf Genuss ein. Die Streckenführung bietet dazu reichlich Anlass. Unsere 246 Kilometer lange Route führt von Zwickau aus in den Süden bis nach Bad Elster. Dabei durchfahren wir Morgenröthe-Rautenkreuz, dem Geburtsort von Sigmund Jähn, der 1978 als erster Deutscher im All war. Für die dort ansässige Raumfahrtausstellung haben wir leider keine Zeit, die (Stopp)Uhr tickt und weiter geht es zur Vogtlandarena. Hier in Klingenthal an der Skisprungschanze hat Jens Weißflog den Start in seine erfolgreiche Skisprungkarriere trainiert.

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Über eine Schleife durch Tschechien fahren wir zum Tagesziel in den Kurort Bad Elster. Ein langer Tag bei Temperaturen um knapp 30 Grad bei reichlich Sonnenschein liegt hinter uns. Nicht nur erfrischend, sondern fast ein wenig nach Feierabend, fühlt sich das nach Abstellen des Autos vom Sponsor Radeberger überreichte, frisch gezapfte Bier an.

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Am dritten Tag der Rallye soll der panamabraune #PartyPassat noch mal ins Rampenlicht kommen. Als wir morgens um 8.25 Uhr über die Startrampe in Bad Elster rollen, wirken wir fit, fast angriffslustig auf die vorderen Plätze. Ähnlich wie der freigefahrene Auspuff des VW Passat nun klingt. So laut röhrend stünde er auch dem mitfahrenden Scirocco SL Sondermodell oder einem der Golf GTI recht gut. Wir fahren wieder in der ersten Konstellation, also Lara weist mir den Weg und gibt mir die Zeiten vor, während ich versuche ihre Anweisungen per Gasfuß auf dem Asphalt umzusetzen.

 

Go for Gold heißt bei uns – WP /SS 15 Kürbitz II

 

Nur wenige Meter nach dem Start steht die erste Wertungsprüfung mit dem sachlichen Namen „WP / SS 15 – Kürbitz II“ an. Und irgendwie war es so, als hätten Lara und ich nie etwas Anderes gemacht als Rallyes zu fahren. Am gelben Schild ein kurzer Halt, nochmals die Prüfung im Roadbook angeschaut, durchgeatmet und mit der uns eigenen Fröhlichkeit selbst angefeuert, „Heute fahren wir nach vorne“, rufen wir synchron, dass es dafür bei Olympia schon fast Gold gäbe. Ich umklammere das hauchdünne Lenkrad des Passat, räkele mich in den erstaunlich komfortablen Sitzen und drücke das Gaspedal nach unten. Parallel drückt Lara den Startknopf der mechanischen Stoppuhr ins Innere des Gehäuses und der große Sekundenzeiger setzt sich zeitgleich mit dem #PartyPassat in Bewegung.

 

Von dem verbauten 4-Gang-Getriebe benötige ich nur die ersten beiden Gänge um die 910 Kilogramm Leergewicht des Passat, in Richtung des roten Zielschildes zu bewegen. Die frische Morgenluft strömt durch das offene Fenster und lässt uns hellwach sein. Ich starre auf den Tacho, bloß nicht zu schnell, dass andere Auge fixiert die Lichtschranke und dass rote Zielflaggenschild davor. Bin im Tunnel, von weit weg nehme ich das mechanische Klicken der Stopptaste wahr und Laras Stimme die am Ende des Countdowns laut eine „Null“ ruft. Durch. Nun geht nichts mehr. Gefühlt waren wir gut, aber die Ungewissheit wird uns noch bis zum Mittagsstopp begleiten.

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Dann ist es soweit. Beim großen Halt im malerischen Ort Meerane hängen die ersten Ergebnisse aus. Schwarz auf weiß vor azurblauem Himmel steht es an der Pinnwand, Platz 1  im Gesamtklassement Für die Startnummer 44 des VW Classic Teams Bernd Schweickard und Lara-Louisa Tietze. Unfassbar!

 

Mit dem gleich guten Team VW Nutzfahrzeuge Oldtimer, pilotiert von Prof. Thomas Edig und Dr. Wolfgang K. Eckelt müssen wir uns zuerst Platz 1 teilen. Dann greift hier eine Regel die uns alleine zur Pokalübergabe auf die Showbühne am Galaabend in der Chemnitzer Stadthalle schickt. Ihr VW T2 Bus L, genannt „Silberfisch“, ist aus dem Baujahr 1979, während unser Passat B1 aus 1977 ist, einer der letzten vor dem kommenden B2 Facelift im August 1977. Somit gewinnt das ältere Fahrzeug und wir dürfen in Genuss der Siegerehrung kommen.

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12 Monate dauerte die Erfahrung, vom ersten Mal durch einen Startbogen bei einer Oldtimerrallye zu fahren, dem Erschrecken über eine mehrfach in sich verschachtelte Zeitprüfung, bis hin zum Gesamtsieger einer Wertungsprüfung. Dazwischen lagen viele emotionale Höhepunkte, vom Fluchen beim Verfahren in einer Ortschaft, vom Schwitzen in alten Autos ohne Klimaanlage, über temporäres Schweigen, wenn man denkt, der andere habe „mal wieder“ einen Fehler gemacht bis hin zum besten Gefühl was es gibt, Freude!

 

Und die war zur 14. Sachsen Classic stetig da. Ausreichend, oft, überschwänglich, mal leise, mal laut, aber immer von Herzen, wie die Fröhlichkeit in den 70er Jahren, als unser panamabrauner #PartyPassat inmitten des kunterbunten Hippie-Jahrzehnts der Traum der Bausparer war. Aber heute darf auch er fröhlich sein.

 

Text: Bernd Schweickard

© Foto: Uli Sonntag für VW (20), Bernd Schweickard

Danke für eine atmosphärisch tolle Sachsen Classic 2016! 

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Hier gibt es in einem VW Passat Special noch mehr Fotos und Hintergrundwissen zum ersten Passat Modell von VW.

Zum Genießen, unsere Fotogalerie der schönsten Momente …

 

 

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